Remscheid - die Seestadt auf dem Berge

Von: BERNWARD LAMERZ  @ Rheinische Post

Die Alleestraße bei Nacht. Foto: Stadt Remscheid                                                    
Die Alleestraße bei Nacht. Foto: Stadt Remscheid

Reden wir nicht vom Wetter. Reden wir von der „Seestadt auf dem Berge“. Ein Beinamen, den Remscheid nicht wegen des sprichtwörtlichen Wasserreichtums der bergischen Region trägt. Strom, Meer oder Häfen sind weithin nicht vorhanden, nur ein kleinerer Fluss (die Wupper) und reichlich viele Bäche. Grund für die merkwürdige Bezeichnung ist vielmehr die jahrzehntelange, weltweite Export-Orientierung der Remscheider Industrie: Metallverarbeitung, in Form von Werkzeug vorzugsweise. Und wenn sie dann zurückkommen von ihren Reisen, die Handelsleute und Produzenten, dann sind sie hier ganz bodenständig verwurzelt. Machen nicht viel Aufhebens von ihrem Qualitätsbewusstsein. Und sie sind stur, traditionell vor allem beim Lösen auch abseitiger (technischer) Probleme.

Es gibt überdurchschnittlich viele Erfindungen und Patente hier. Weshalb man weite Teile der Remscheider Mentalitäten mit "Knösterpitter" beschreibt, wozu man sich als Ort des "Knösterns" (meint: Tüffteln, Frickeln o.ä.) gern einen alten "Hammer" oder Schleifkotten am Bach oder auch eine kleine Werkstatt im Hof vorstellen darf. Von der Schwerindustrie ist nur ThyssenKrupp geblieben. Dass in Remscheid die Wiege eines Stahlkonzerns stand, wo die Brüder Reinhard und Max Mannesmann das erste nahtlos gezogene Stahlrohr produzierten, ist seit ein paar Jahren nur noch Geschichte. Einer der aktuellen Innovationsführer ist jetzt der Heiztechnik-Hersteller Vaillant.

Das mächtige Remscheider Rathaus auf dem so genannten Stadtkegel (ungefähr 350 Meter über NN) wurde im Frühsommer 2006 100 Jahre alt. Typisch zurückhaltend wurde dieses Jubiläum begangen, weniger gefeiert. Überhaupt ist Remscheid ja erst seit 1929 Großstadt. Damals wurden Lennep und Lüttringhausen eingemeindet (1975 kam Bergisch Born, ein Stadtteil im Dreieck mit Wermelskirchen und Hückeswagen, hinzu). Separatistische Reflexe der Eingemeindeten liegen bis heute nicht allzu weit unter der Oberfläche. Remscheider wie Lenneper und "Lütterkuser" eint jedoch eine Eigenart: Denjenigen, der von auswärts hierher zieht, den bezeichnen sie als "Hergeloupenen". Ein Hergelaufener, das bleibt der Zugezogene in der Wahrnehmung der Remscheider lange. Auch wenn er sich längst den Kontakt zu den Einheimischen erarbeitet hat. Ein Kontakt, der - wenn er denn einmal geschlossen ist - unerschütterliche Qualität hat.

Der Alte Markt im Stadt-Teil Lennep. Foto: Stadt Remscheid
Der Alte Markt im Stadt-Teil Lennep. Foto: Stadt Remscheid

Remscheid mit seinem immer noch vergleichsweise großen Anteil an produzierendem Gewerbe ist die letzte wirkliche Industriestadt im Lande. Die Einwohnerzahl ist knapp unter 120.000 gerutscht. Die Tendenz Richtung 100.000, wo die Grenze zum offiziellen Großstadt-Status liegt, ist unübersehbar. Eine Folge des traditionellen industriellen Wirtschaftsdaseins dieser Stadt und ihrer weltweiten Orientierung ist, dass hier Menschen aus 110 unterschiedlichen Nationen leben. Mehr als 17.000 Menschen sind das, die meisten davon Türken. Das hat Ausländerfragen - wie anderswo auch - zur Folge. Aber kein ausgesprochenes Ausländerproblem. Jedenfalls nicht im alltäglichen Remscheider Lebensgefühl. Man sieht sich halt. Und bemüht sich, das Bereichernde an dieser Nationalitätenvielfalt herauszustellen.

So hat das Multikulturelle auch Eingang gefunden in die „Kulturpolitischen Leitlinien“, die der Rat der Stadt vor einiger Zeit verabschiedet hat. Leitlinien, die nach der Ambition ihrer Verfasser nicht zuletzt verhindern sollen, dass die Kultur in Zeiten allerhärtester öffentlicher Sparzwänge als leichtestes Opfer dargebracht wird. Der Beweis, ob die Leitlinien ihren sichernden Zweck erfüllen können, ist noch nicht erbracht. Derweil stellt sich das kulturelle Leben der Stadt vielfältig dar. Das Theater - ein zauberhaft im Originalstil der 50er Jahre restaurierter Bau - trägt den Namen des berühmten, in Remscheid geborenen Bühnenbildners Teo Otto; es hat kein eigenes Ensemble, aber einen gleichermaßen anspruchsvoll wie populär bestückten Spielplan. Es ist auch eine der Spielstätten der Bergischen Symphoniker, die Remscheid und die Nachbarstadt Solingen gemeinsam tragen. Das Röntgen-Museum in Lennep, dem Geburtsort des Nobelpreisträgers von 1907, wird im Rahmen der "Regionale 2006" (ein Stadtentwicklungsprojekt mit Landesmitteln im bergischen Städtedreieck) grundlegend modernisiert und neukonzeptioniert. Es soll als kleineres, hochwertiges Spezialmuseum in der deutschen Kulturszene positioniert werden (Vollendung des ersten Bauabschnitts ist für den Oktober 2006 geplant), in dem der Besucher selbst zum Forscher wird. Das wird dann ein feines "Schwesterhaus" zum Deutschen Werkzeugmuseum im Historischen Zentrum der Stadt, wo geschichtliche Herkunft und aktuelle ästhetische Reize von Werkzeug im allerweitesten Sinne erlebbar sind.

Remscheid ist eine überdurchschnittlich sichere Stadt, die Kriminalitätsrate ist gering. Als Grund dafür wird gern das ausgeprägte und vielfältige Vereinsleben in Sport, Brauchtum und Chorwesen angeführt. Das bringt "soziale Kontrolle". Was auch für die durch "Hofschaften" und Stadtteilorientierung geprägte Kleinräumigkeit des alltäglichen Lebens gilt. Die Menschen leben in ihrem Lennep oder ihrem Lüttringhausen, "auf" Kremenholl oder "am" Hasten. Und in der City, da haben sie alle einen großen, belebten und beliebten Treffpunkt. Ein großes Einkaufszentrum, das Allee-Center. Ein Innnenstadt-Marktplatz gleich beim mächtigen Rathaus. Mit Flanier- und Aufenthaltsqualitäten. Überdacht, klar. Hier muss man nicht vom Wetter reden.

Das bergische Remscheid hat noch einen Beinamen: "Werkstatt im Grünen". Die landschaftlichen Reize ringsherum in dieser bergischen bzw. in dieser Hinsicht tatsächlich bergigen Topographie sind vom Feinsten für Wanderer, fitte Radler oder Motorradfahrer, Spaziergänger, Naturfreunde schlechthin. Eine besondere Möglichkeit, dies zu erleben, ist beispielsweise die Umrundung der Stadt beim alljährlichen Ultra-Marathon im Rahmen des Röntgenlaufs Ende Oktober. Gut 62 Kilometer, auf denen die Läufer wegen der topographischen Extreme nicht nach Bestzeiten streben, sondern Landschaft erleben und höchst abweschlungsreiche Perspektiven von Remscheid auf seinen Hügeln und in seinen Tälern mitbekommen. Die Marathon-Strecke entspricht übrigens dem ausgewiesenen Röntgen-Wanderweg. Es geht also auch gemächlicher. Und abschnittsweise.

Remscheid, von dem der Autoreisende – auch wenn er sonst nichts weiß von der Stadt – mindestens die Raststätte an der A 1 kennt, bekommt 2006 seinen dritten Autobahnanschluss. So ist die Stadt – verkehrstechnisch ohnehin günstig gelegen – noch besser angebunden. Nur eines sollte man bis auf weiteres noch nicht tun: Die Stadt mit dem Zug ansteuern. Denn was sich da Remscheider Hauptbahnhof nennt, ist ein im Laufe der Jahrzehnte heruntergekommener Schandfleck mit einem einzigen Bahnsteig. Es soll vorgekommen sein, dass Anreisende schon auf dem Bahnsteig wieder kehrt gemacht haben und in den nächsten Zug in Gegenrichtung gestiegen sind. Sie konnten halt nicht glauben, dass sie hier richtig waren in der Großstadt Remscheid. Im Rahmen der "Regionale 2006" soll der Remscheider Hauptbahnhof endlich zu einem Tor zur Stadt werden, das seinen Namen verdient. Beim Suchen nach Investoren und ansiedlungswillligem urbanem Handel ging vorerst vieles schief, die Gründe dafür waren auch hausgemacht. Darüber knöttert der Remscheider vernehmlich. Und die Politiker und Verwaltungsleute knöstern an der Lösung des Problems. Die Remscheider Geschichte lehrt: Die Lösung sollte gelingen. Wann das sein wird und wie die Lösung schlussendlich ausfallen wird? Das wird man sehen. Und wenn's nicht gelingt? Naja, das wäre dann halt kein Grund zum Feiern. Kein Grund zum Feiern? Für den Remscheider nicht wirklich ein Problem.

Wer dennoch Remscheid mit dem Zug (nach dem Umsteigen in Solingen-Ohligs) erreicht, kommt über ein legendäres Ausflugsziel: Müngsten mit der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands auf dem Schnittpunkt der Stadtgrenzen von Remscheid, Solingen und Wuppertal. Unten im Tal der Wupper hatte sich in vergangenen Jahren allerdings auch touristische Ödnis breitgemacht. Doch alles ist wieder gut, wahrscheinlich sogar besser als je zuvor. Denn - ebenfalls im Rahmen der "Regionale 2006" - ist hier der neue Müngstener Brückenpark entstanden. Behutsam und auch ein wenig poetisch wurden Ufer und Gelände neu modelliert. Hier am Wasser der Wupper ist "die Landschaft der Star", wie es die Regionale-Macher so treffend formulierten. Eben.